Wiederentdeckt und wiederbelebt: eine alte Weggefährtin Teil II

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01.04.2015 – Kein Aprilscherz. Sie ist zurück – und besser als jemals zuvor.  Nach einer Runderneuerung habe ich mein gut 30 Jahre altes Spulentonbandgerät Revox B77 wieder in Betrieb genommen.

Warum lässt ein Digital-Freak wie ich eine altes analoges Tonbandgerät für viel Geld generalüberholen? Ist es der spezielle Sound? Die Tatsache, dass man Audiomaterial ohne Probleme über Null dB aussteuern darf? Die Faszination der großen, sich gleichmäßig und ruhig drehenden Spulen? Musik zum „Anfassen“? Wahrscheinlich von allem etwas. Ich war insbesondere gespannt, wie die Bänder von damals heute klingen – weniger aus technischer Sicht, mehr wegen der veränderten Hörgewohnheiten, die das digitale Zeitalter mich sich gebracht hat.

Gute sechs Wochen habe ich auf den Anruf der Firma gewartet, zu der ich das Gerät Anfang Februar gebracht habe. Es gibt nicht mehr viele Betriebe, die sich analoger Hifi- und Studio-Technik mit Leidenschaft annehmen. Ich hatte das Glück, nach einigen Recherchen einen solchen Fachbetrieb im Münchner Norden zu finden. Wahrscheinlich einen der letzten dieser Art. Wahren Kennern wird beim Betreten der unscheinbaren Räumlichkeiten das Herz höher schlagen: Bis unter die Decke steckt der Laden voll von Revox-Geräten: Bandmaschinen, Verstärker, Tape Decks aus der legendären B-Serie, die Ende der 1970er Jahre auf den Markt kam, aber auch hochwertigste Boliden, die normalerweise nur in professionellen Tonstudios zu Hause sind. Alle warten auf einen Abholer oder Käufer mit Liebe zur Technik von gestern.

Gute Gesellschaft in der Revox FachwerkstattIn bester Gesellschaft: beim Revox Fachbetrieb im Münchner Norden.

Die Fachleute haben das Innenleben meiner B77 gründlich auf den Kopf gestellt und dabei sämtliche altersbedingten Macken beseitigt. Neue elektronische Bauteile – von Hand einzeln ausgetauscht, eine neue Andruckrolle für den Bandtransport, verbesserte Anschlüsse auf der Rückseite – und ja: der Austausch des Kippschalters auf der Frontseite, der beim letzten Umzug sein Leben lassen musste.

Zuhause darf die „alte neue“ Dame in der digitalen Umgebung meines Projektstudios Platz nehmen. Nach dem Anschließen wähle ich eines der selbst produzierten Masters aus den 80ern und lege vorsichtig das Band in die Transportvorrichtung – komisch, manche Dinge verlernt man nie. Es ist, als hätte ich dies gestern das letzte Mal getan. Mit sattem Klacken startet die elektronische Steuerung das Dreimotorenlaufwerk. Aha, da ist der erste Unterschied zu heutigen Aufnahmen: Es rauscht leicht. Das Master läuft mit 19cm/ Sekunde und ohne irgendwelche Dolby-Prozessoren. Das darf dann ruhig etwas rauschen, ist ja schließlich nicht digital. Ich drehe die Lautstärke des digitalen Vorverstärkers etwas höher – und bereue es gleich. Mit ungebremster Dynamik und Kraft beginnt das erste Musikstück, eine Aufnahme meiner damaligen Rockband. Wo sind hier die letzten 30 Jahre geblieben? Hören tut man sie nicht. Die Aufzeichnung klingt sauber, druckvoll und charmant warm. Analog eben.

Nicht etwa, dass ich das Resultat nun jeder digitalen Produktion vorziehen würde – es klingt einfach anders. Und ich freue mich, viele dieser Aufnahmen wieder zu entdecken.

Der Vorgängerartikel:

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